Coach Dich selbst, sonst coacht Dich keiner

Selbstoptimierung – besser werden ohne in die Perfektionismusfalle zu tappen (Rezension)

Selbstoptimierung liegt schwer im Trend. Laut einer aktuellen Umfrage von Splendid Research machen Ratgeberbücher mit 32,5 Prozent den Löwenanteil der Kategorie Sachbücher aus. Zahlreiche Sprüche wie „Wer aufhört besser zu werden, hört auf gut zu sein“ brennen sich ins Bewusstsein ein. Die Folge? Wir wollen immer schöner, erfolgreicher und beliebter werden.

Wie viel Selbstoptimierung ist zu viel?

Während ein gesundes Maß an Selbstreflexion durchaus förderlich für das Selbstbewusstsein ist, lauert hinter dem übertriebenen Drang nach Selbstoptimierung die Perfektionismusfalle. Plötzlich scheint nichts mehr gut genug. Auch man selbst genügt nicht mehr. Keine/r kann dauernd good vibes versprühen. Doch wem das Dauerlächeln in der selbstoptimierten Welt nicht gelingt, der oder die bekommt Gewissensbisse und Selbstzweifel. Eine Spirale der Selbstentwertung beginnt.

Die Ratgeberliteratur verspricht einen Ausweg – auch aus diesem Strudel. Das Gefährliche daran? Unterschwellig schwingt stets die Botschaft mit: Wer es nicht schafft, ist selbst schuld. Das Gegengift zur übertriebenen Selbstoptimierung ist daher Selbstfürsorge.

Um uns selbst nicht wahnsinnig zu machen, müssen wir wieder auf uns Rücksicht nehmen, auf unser Bauchgefühl hören und überhaupt den Draht zu uns selbst wiederfinden. Der inzwischen auf deutsch erschienene Bestseller von Talane Miedaner versprach, dem Titel nach, auf genau diese klaffende Wunde ein Pflaster zu legen. „Coach dich selbst, sonst coacht dich keiner“* klingt nach der Rückenstärkung, die wir brauchen und die wir uns am Ende nur selbst geben können, wenn die Welt von außen dröhnt: Höher, schneller, weiter!

Sei Dein eigener Coach

Auf den ersten Blick gefällt mir die Gliederung. Der Aufbau ist simpel und verständlich. Die auf dem Cover in Aussicht gestellten 101 Tipps geben die Gliederung des Buchs vor. Jeder Tipp entspricht einem Kapitel in insgesamt zehn Teilen, die sich nochmals einem übergeordneten Thema verschrieben haben.

Während viele der Tipps praktische Handlungshilfen darstellen, haben sich auch ein paar Botschaften eingeschlichen, die ich unter „magisches Denken“ verbuchen möchte. Dazu gehört der Tipp, die Wohnung gemäß Feng Shui einzurichten. Aber auch der Ratschlag auf die Botschaften des Universums zu hören, fällt in die Kategorie „Esoterik“. Daneben finden sich Allgemeinplätzchen wie, dass man Geld für sich arbeiten lassen möge, was, sofern man ein wenig Ahnung von Finanzen hat, Unsinn ist. Oder in den Worten eines bekannten Kabarettisten: „Haben Sie schon mal einem Fünfzig-Euroschein einen Spaten in die Hand gedrückt?“ Eben. Die Zinsen, die Börsenspekulanten einheimsen, muss ja irgendwer real erwirtschaften. Geld arbeitet nicht. Menschen tun es. Der Aberglaube an das Geld im Sparbuch, das heimlich Junge bekommt, treibt seltsame Blüten, die schließlich gar nicht anders können, als in einer Finanzkrise zu gipfeln, nämlich dann, wenn die Realwirtschaft nicht mehr hinterherkommt, das ewige Wachstum zur Zinsentilgung bereitzustellen. Dann hilft nur noch ein Schuldenschnitt oder ein Rettungsschirm.

Deine Beziehung zu Geld hinterfragen

Trotzdem ist Geld nicht per se „böse“. Der Tipp, die eigene Beziehung zu Geld zu überdenken, ist daher durchaus sinnvoll. Gerade als Freelancer*in bist Du gelegentlich damit konfrontiert Deine Preise rechtfertigen zu müssen. „Das ist aber teuer“, ist ein Satz, den freischaffende Texter*innen, Grafikdesigner*innen oder Webdesigner*innen bestimmt schon zu hören bekommen haben.

Was die überraschten Kunden und Kundinnen dabei vergessen: Hier liefert jemand Maßarbeit nach individuellen Vorgaben. Ja, jeder Text, jede Website und jede Grafik aus der Feder eines Freiberuflers oder einer Freiberuflerin ist ein Unikat.

Wir haben, genau wie der Einzelhandel, laufende Kosten wie Miete, Strom, Steuern und die eigene Krankenversicherung. Als Dienstleister*in legen wir diese Kosten auf unsere Produkte um. Daher kostet eine Arbeitsstunde im freien Bereich mindestens dreißig, wohl eher sechzig Euro. Arbeitgeber*innen sollten übrigens auch mit einer Brutto-Arbeitsstunde von circa fünfzig Euro rechnen. Meistens achten wir von Arbeitnehmer*innenseite jedoch nur auf den Nettolohn, der am Ende des Monats auf dem Konto eingeht. In Wahrheit sind Angestellte für Unternehmen aber deutlich teurer als die zehn, fünfzehn oder fünfundzwanzig Euro pro Stunde, die tatsächlich bei den Mitarbeiter*innen ankommen.

Insbesondere wer den Weg als Sidepreneur*in in die Selbstständigkeit gefunden hat, muss hier zu Beginn erst einmal umdenken. Der bisher bezogene Stundenlohn hat wenig mit dem Preis einer Arbeitsstunde im freien Bereich zu tun. Du bist nicht teuer. Du hast als Selbstständige oder Selbstständiger auf einmal lediglich alle Unternehmenskosten allein zu tragen. Dafür sitzt Dir aber weder ein Chef noch eine Chefin im Nacken.

Im Streitfall: Deine Reaktion ist Deine Verantwortung

Einige Tipps der Autorin haben mir besonders gut gefallen. Vieles davon liegt an sich auf der Hand, aber nur selten machen wir uns Gedanken, zum Beispiel darüber, wie wir im Streitfall kommunizieren. Denn wie wir auf Provokationen reagieren, ist immer noch unsere Sache und auch unsere Verantwortung. Im Kapitel „Lassen Sie sich nichts gefallen“ beschreibt Miedaner das 4-Schritte-Kommunikationsmodell, das ich so simpel wie genial finde.

Motivation geht von Dir aus

Zwei Kapitel zuvor empfiehlt die Autorin sich vom Wörtchen „sollte“ zu verabschieden. Um wirklich motiviert zu arbeiten und glücklich zu sein, ist es wichtig, dass der Antrieb von innen, nicht von außen kommt. Man unterscheidet daher intrinsische und extrinsische Motivation. Statt sich darauf zu versteifen, was Du tun solltest, macht es mehr Sinn sich damit zu beschäftigen, was Du tun möchtest, was Dich erfüllt und so weiter.

Ziele visualisieren

„Machen Sie sich ein Bild von Ihrem idealen Leben“ ist ein späteres Kapitel, das eng damit verknüpft ist. Wer seine Ziele erreichen möchte, muss sie visualisieren. Du kannst Dir Träume vor dem inneren Auge veranschaulichen, noch effektiver ist jedoch eine Pinnwand oder ein Journal, wo Du Deine Ziele sichtbar machst, bevor sie dann Realität werden.

Entscheid Dich und bleib dabei

Einen Tipp, den ich mir als ewig Zweifelnde, die zu jedem Thema noch diesen oder jenen Aspekt anbringen möchte, fortan hinter die Ohren schreibe: „Tun Sie es oder lassen Sie es bleiben.“ Etwas salopper hat das damals mein Theoriefahrschullehrer auf den Punkt gebracht: „Wenn Scheiße, dann Scheiße mit Schwung.“ Nichts ist schlimmer, als bei Gelb in eine Kreuzung einzufahren – und das dann auch noch zögerlich. Die anderen bekommen Grün und Du stehst mitten auf der Kreuzung. Also entscheid Dich vorher: Nimmst Du die Ampelphase nun mit oder nicht? Der Ratschlag gilt fürs Leben. Bleib nicht zögerlich mitten auf der Kreuzung stehen!

Lern zu delegieren

Was dabei helfen kann? Delegieren. Aufgaben, die keinen Spaß machen oder für die Dir das Know-how fehlt (Denk an die Steuererklärung!), kannst Du delegieren. Wieder eine Aufgabe auf der To-do-Liste abgehakt und jede Menge Energie gespart. Wenn Du clever delegierst, schaffst Ressourcen für die Dinge, die Dir wirklich wichtig sind. Mit ein Grund, warum Freiberufler*innen sich gut vernetzen sollten. Bestimmt gibt es in Deinem Netzwerk jemanden für diese eine unliebsame Tätigkeit, der oder die das a) besser und b) lieber macht als Du.

Offen und ehrlich kommunizieren – ohne Klatsch und Tratsch

Ganz zum Schluss zwei Tipps: Schluss mit Klatsch und Tratsch! Und hör anderen aktiv zu. Wer über andere Menschen hinter deren Rücken redet, schadet sich selbst. Übrigens nicht nur, wenn Du lästerst, sondern auch wenn Du meinst, gute Nachrichten zu verbreiten. Die Autorin führt ein Beispiel aus ihrem Umfeld an.

Menschen Vertrauen Dir, wenn Du für sie da bist. Beim aktiven Zuhören geht es übrigens nicht nur ums Ohrenspitzen, sondern auch um Blickkontakt und vor allem darum, die richtigen Fragen zu stellen. So hältst Du die Unterhaltung in Gange, wirst aber nicht zur Quasselstrippe.

Wie hältst Du es mit Selbstoptimierung und Selbstfürsorge? Schaffst Du den Spagat oder interessiert Dich das ohnehin nicht? (Dann trotzdem danke, dass Du es bis hierher geschafft hast.)

Zusammenfassung:

  • „Coach dich selbst, sonst coacht dich keiner“* von Talane Miedaner
  • Ratgeber zur Selbstverwirklichung und dem Erreichen persönlicher Ziele
  • empf. VK-Preis: € 9,90 [D]
  • Softcover, erschienen am Januar 2005, 18. Auflage 2019
  • ISBN: 978-3-63607-039-5

Ich bedanke mich beim mvg-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.


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