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Warum du als Texter*in mehr Hip Hop hören solltest

Schallplattenspieler

Wenn es um Musik geht, lebe ich nach Herbert Grönemeyers Credo: „nur, wenn sie laut ist“. Beim Schreiben herrscht daher bei mir Ruhe. Doch danach? Schalte ich ab und drehe auf. Notebook zu, Ohren auf.

Was mir dabei auf die Playlist kommt? Ich höre querbeet. Böse Zungen würden behaupten, mein Geschmack zeigt sich darin, dass ich keinen hab‘. Von Queen bis Freundeskreis ist noch Platz für Tschaikowski. Doch warum single ich Hip Hop (die Überschrift hat’s vorweg genommen) aus?

Kurze Zeitreise zu den Anfängen der Geschichtsschreibung

Kennst du den Film „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit“? Zwei Teenager werden zu Zeitreisenden. Um eine Geschichtsprüfung zu bestehen, ist es von Vorteil mit Napoleon und Co. einfach mal persönlich zu plaudern. Genau das machen die beiden und treffen dabei auf Ludwig van Beethoven, der schließlich in einem Musikgeschäft des 20. Jahrhunderts landet und ordentlich auf den Keyboards abrockt.

Musik ist so alt wie die Menschheit selbst. Wenn man sich’s genau überlegt, ist Hip Hop wohl eine der ältesten Kunstformen überhaupt. Das Spitten über Reime hat zu Homers Zeiten sicher nicht so geheißen, doch was sonst sind seine gereimten Epen bitte? Vor allem wenn man bedenkt, dass die Geschichtsschreibung über Jahrtausende nichts als mündliche Überlieferung war. Man saß am Lagerfeuer und hat Storys über Vorfahren und vergangene Zeiten ausgetauscht. Radio war noch nicht, also wurde das Ganze sprachgewaltig untermalt.

Herodot war wohl einer der ersten in unserem Kulturkreis, der Geschichte zu Papier gebracht hat – mit allen Verfälschungen, die sich über die Zeit so angesammelt haben. Man denke nur an Stille Post. „MCs“ waren somit noch vor ihm die ersten Geschichtenerzähler*innen, die Geschichte(n) von Generation zu Generation mündlich überliefert haben.

Ich sag‘ mal so, Goethe und Schiller hätten Turntables geliebt

Hätte es zu Zeiten von Sturm und Drang schon Turntables gegeben, hätten Goethe und Schiller – vor allem Schiller, da bin ich mir sicher – von der Technik gewiss Gebrauch gemacht. Womöglich nicht selbst, aber dann eben die Leute, die „Wallenstein“ und „Die Räuber“ uraufgeführt haben. Möglich, dass irgendwann mal jemand „Faust“ ins Mic rappt.

Dessen ungeachtet halten sich so einige Klischees über Hip Hop und Rapmusik, die ich persönlich voneinander trenne. Frauenfeindliche Lyrics, halbnackte Frauen räkeln sich auf glänzenden Schlitten und dazu jede Menge Blingbling, das in die Kamera gehalten wird. Get rich or die tryin‘. Jap, das ist Rapmusik.

Hip Hop ist anders und beweist mehr Tiefe, vor allem wenn es um Conscious Hip Hop vis-à-vis Gangsta-Rap geht. Da ist (politischer) Hip Hop von Immortal Technique, Jedi Mind Tricks und Lowkey, der sich frei nach KRS-One um peace, love, unity und havin‘ fun dreht, aber eben nicht von früh bis spät aus dem Radio schallt. Trotzdem schafft es diese Musik in die Charts. Einer treuen Fanbase sei Dank. Public Enemy dürfte ein Begriff sein. Auch in Deutschland hat sich eine große Szene etabliert, wie Fiva, Curse und Freundeskreis beweisen.

Was hat das mit mir als Texter*in zu tun?

Ihre Musik lebt genauso von eingängigen Beats wie der Rest des Genres, doch sind die Texte in der Regel deeper. Im Zusammenspiel hat das eine zugleich erdende wie anregende Wirkung auf mich. Was die Texterin in mir angeht, liebe ich Lyrics, bei denen die MCs um die Ecke gedacht haben. Die Texte sind voll mit Wortspielen, Lautmalereien, metrisch korrekten, aber unsauberen Reimen usw.

Bei all dem können wir uns als Schreibkolleg*innen was abschauen. Autor*innen wird stets empfohlen viel zu lesen, am Puls der Zeit zu bleiben und den eigenen Horizont zu erweitern. Umgekehrt verstehe ich jemanden wie Thomas Bernhard, der zeit seines Lebens auf das Lesen von Belletristik im Großen und Ganzen verzichtet hat. Einerseits ist die Angst zu plagiieren groß, indem du bewusst oder unbewusst Ausdrücke oder gar Manierismen übernimmst, andererseits hat’s Bernhard einfach nicht interessiert. Lieber hat er zu einem philosophischen Klassiker gegriffen und sich darin vertieft.

Neues entdecken und Altbekanntes neu erfahren

Jetzt musst du nicht, wie Thomas Bernhard, ignorieren, was deine Texterkolleg*innen machen. Hingegen kann es helfen, mal über den eigenen Schreibtischrand hinaus zu blicken. Deshalb Hip Hop – insbesondere wenn du bisher damit nichts am Hut hattest. Die Textform mag so anders sein als das, was du auf Papier bringst, dass genau darin der Reiz liegt (wie die philosophischen Schriften bei Bernhard). Das Potential Neues zu entdecken oder Altbekanntem eine neue Dimension zu verleihen, ist enorm groß.

Kürzlich bin ich auf eine Doku gestoßen, die einen interessanten Einstieg in die Welt der Lyrics über Beats gibt, aber auch Liebhaber*innen dieses Genres begeistern dürfte, vor allem wenn sie Curse mögen. Das Besondere daran ist der Protagonist selbst. Curse, der Hip-Hop-Musiker und systemischer Coach zugleich ist. Da sind wir wieder bei den bösen Zungen. Die würden behaupten, er will mit seinem aktuellen Album „Die Farbe von Wasser“* seine Fans therapieren oder gar zum Buddhismus bekehren. Ich würde sagen, einander zuzuhören, das eigene Handeln zu überdenken und der Kreativität freien Lauf zu lassen, sind vollkommen ideologiefreie Werte. Es ist schlichtweg menschlich. Wo wir wieder bei Herbert Grönemeyer („und der Mensch ist Mensch …“) wären.

Warum es außerdem nicht ums Therapieren der Fans gehen kann: Curse sagt ja selbst: „Ich bin der erste, der den Scheiß benötigt.“

Apropos Scheiß, Fluchen soll ja ein Zeichen von Intelligenz sein. Insofern, gib f***ing Hip Hop a chance.

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